Das Norwegische Geschlechter-Gleichheits-Paradoxon und die Frauenbenachteiligung in der Wissenschaft

Ich habe heute noch einmal die Reportage zum Norwegischen Geschlechter-Gleichheits-Paradoxon angesehen und kann es sehr empfehlen für all diejenigen, welche bisher noch nicht davon gehört haben und sich abends gerne eine kürzere Reportage gönnen.

Zusammenfassung: Was ist das Paradoxon?

1. These (vgl. Gender-Mainstream): die Geschlechter sind gleich.

2. Beobachtung in Ländern mit hoher Geschlechtergleichheit (rechtlich/institutionell; sprich Quoten etc.):

a) es gibt keinen Umschwung in den Geschlechterdisparitäten hin zu mehr Gleichheit bei der Berufswahl. Sprich: viel mehr Männer gehen technischeren Berufen nach (Ingenieure, Volkswirte, Mathematiker, etc.) während Frauen weiterhin klar soziale Berufen favorisieren (Krankenpflege, Lehramt, Psychologie, Kinderbetreuung etc.).

b) allgemeiner ausgedrückt: es gibt sogar eine Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen.

Das Paradoxon liegt also im Konflikt dieser wissenschaftlichen Beobachtungen mit dem Gender-Mainstreaming Dogma, dass die Geschlechter im Grunde absolut gleich sind (insbesondere, dass diese „Rollen“ nur Endprodukt einer binären Junge/Mädchen Sozialisation sind und deren zugehörige Rollenerwartungen). Parallel dazu haben wir im Fall Deutschlands dann noch den Ruf nach mehr pro Frauen-Quoten in der Wirtschaft, Wissenschaft usw., selbst obwohl diese schon sehr lange in Skandinavien etabliert sind und eben nicht zum Verschwinden dieser Geschlechterunterschiede geführt haben.


Okay man könnte nun sagen: ’naja eigentlich ist das kein Paradoxon, weil ja nie ein Gleichheit vorgelegen hat‘. Das ist sicherlich etwas zu vereinfacht, aber vor allem klärt es noch nicht die Frage, wieso verhält es sich so in westlichen, liberalen Industrienationen? Die kurze Antwort ist, dass wenn Gesellschaften freier & gleicher werden, deren Mitglieder mehr nach ihren persönlichen Interessenverwirklichung streben. Diese Interessen unterliegen aber auch den vom Gender-Mainstreaming bestrittenen biologisch Tendenzen (≠ unausweichliche Gesetzen), welche sich auch in „traditionelleren“ Rollen widerspiegeln. In der Reportage sieht man wunderbar, dass die Genderforschung & Feminismus solch eine biologische Basis radikal ablehnt und aktiv bekämpft.



Der ein oder andere fragt sich nun ungeduldig – und wo ist nun der Zusammenhang zur Frauenbenachteiligung in der Wissenschaft? Nun in den Kommentaren tauchte eine glühende Feministin auf (Elisa Principato), die eine andere Userin angriff. Die Nichtfeministin behauptete doch tatsächlich (korrekterweise, siehe Exkurs unten – wer mag), dass die immer angeführte Ungleichheit, etwa beim Lohnvergleich von Männern und Frauen, zu großen Teilen auf statistische Fehldarstellungen zurückzuführen ist.

Die gute Elisa argumentiert zwar sofort hart, versucht aber anfangs auch wissenschaftliche Argumente anzuführen: „Science faculty’s subtle gender biases favor
male students (2012).“ Und da ich gerne versuche meine Argumente durch die Gegenpositionen zu testen, habe ich mir diesen Journal-Artikel angetan. Es hat sich ja auf den ersten Blick auch vielversprechend angehört: die angekündigten Befunde und dann noch von Autoren aus Princeton, Yale … die Leuchttürme der angelsächsischen – nein, was sag ich, der globalen Wissenschaften! *hust* Ich bin ehrlich, leider habe ich es nur bis zur zweiten Seite geschafft. Ich höre schon die nicht ganz unberechtigten Zwischenrufe: ‚Was? Das kann doch nicht sein! Das ist unseriös!!‘ Wie kam es also dazu?

Auf Seite 1 wird wie üblich der derzeitige Forschungsstand umrissen. Dabei fiel sofort eine interessante Behauptung auf:

„With evidence suggesting that biological sex differences in inherent aptitude for math and science are small or nonexistent [!!!] (6–8), the efforts of many researchers and academic leaders to identify causes of the science gender disparity have focused instead on the life choices that may compete with women’s pursuit of the most demanding positions.“

Frei nach dem Motto, da biologische Faktoren nun wissenschaftlich ausgeschlossen wurden, ziehen sich die Ewiggestrigen (=Nicht-Feministen / Gegner des Gender-Mainstream) auf spekulativere Bereiche zurück. Mein schlimme psychologische Neigung hat dann wieder einmal zugeschlagen, die mir leider oft in der Forschung im Wege steht: ich nehme es zu genau. Hört sich paradox an, ist aber leider so, weil Detailtreue nicht von vielen geachtet wird und massiv zeitraubend ist. Wie dem auch sei, ich musste (psychologisch) also wiedermal früh abbrechen (Seite 2) und noch einmal zurück zu der zitierten Stelle & Fußnote springen, um meinen Verdacht nachzugehen. Also ab in die Quellenliteratur (Nr. #6)! Halpern (2007) hörte sich am vielversprechendsten an: „The Science of Sex Differences in Science and Mathematics.“ Hmm… 51seitiger Journal-Artikel, soviel also auch noch zu dem Thema ADHS & abgleiten nach Youtube Videos. 😀

Doch was findet man tatsächlich in der Quelle? Dort wird doch glatt die Gegenposition vertreten, die man angeblich in der Forschung nun überall zu Gunsten des Gender-Mainsteam findet:

„Substantial evidence [!!!] suggests that the male advantage in mathematics is largest at the upper end of the ability distribution [mit anderen Worten: bei den hochtalentierten gibt es größere Unterschiede und deutlich mehr Männer – der Zusammenhang zur Wissenschaftskarriere sollte hier wohl jedem klar werden], a result that could provide important clues to the origin of this sex difference. In addition, a ‘‘tilt’’ favoring visuospatial or mathematical abilities compared to verbal, regardless of level of ability, is more frequently exhibited by males than by females. Females tend to be more balanced [!] in their ability profiles, which may lead them to choose mathematics or science careers less frequently than their male counterparts do.“ (Seite 40)

„Studies of brain structure and function have suggested some potential biological mechanisms for the observed sex differences in ability.“ (Seite 41)

„Finally, hormones have been documented to affect cognition through their organizing effects on the brain.“ (ebenda)

Die Autoren in Halpern (2007) warnen zwar auch vor zu schnellen finalen Schlüssen und betonen das komplexe  Wechselspiel der Faktoren (early experience, biological factors, educational policy, and cultural context), dennoch muss man sich das genau vor Augen führen. Es wird schlichtweg behauptet gelogen, welche Positionen wirklich vertreten werden, weil sie nicht ins Weltbild passen! Hat das Konsequenzen? Nein, manche sind eben gleicher als andere! Die besagten Autoren sind weiterhin Professoren an diesen ach so viel gerühmten Universitäten. Ich könnte jetzt glatt noch etwas über den modernen Wissenschaftsbetrieb schreiben, insbesondere den Angelsächsischen … aber das hebe ich mir erst einmal auf, um es mir nicht sofort mit fast allen Lesern zu verscherzen. 😉



Exkurs am Ende für die Interessierten – die Lohnlücke zw. Männern und Frauen & deren statistische Fehldarstellung.

Ein Bsp. gefällig? Hier die Hans-Böckler-Stiftung mit ihren Angaben zur Lohnlücken:

„Frauen mit Promotion erhalten auf Basis einer 40-Stunden-Woche ohne Sonderzahlungen ein Bruttomonatsgehalt von durchschnittlich 4.679 Euro. Männer mit Doktortitel verdienen im Schnitt 5.342 Euro, also 663 Euro mehr.“

Dass promovierte Soziologinnen weniger verdienen als promovierte Ingenieure leuchtet aber schon ein, oder? Und wenn jetzt prozentual mehr Männer Ingenieure werden … Naja, ihr wisst ja. Hinzu kommt, dass Männer als stärker karriereorientiert gelten und höhere Posten beziehen / mehr Berufserfahrung ansammeln (mehr Überstunden / keine Schwangerschaften). Bereinigt bleibt von den sage und schreibe 23% der guten Böckler-Stiftung nur noch 7% übrig. Und diese lässt sich auch zu guten Teil anders erklären, so dass wir vielleicht (ich spekuliere!) über eine Lohndiskriminierung von ~5% oder weniger sprechen. Und dafür gibt es dann durchaus auch psychologische Erklärung (bspw. im Unterschied in der Art der Gehaltsverhandlung von Männern). Dass die Zeit nun überhaupt die bereinigten Zahlen angibt, ist erst nach vielen Protesten geschehen. Aber in gewisser Hinsicht zu spät, denn das Vorurteil geistert schon überall herum.

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